Projekt Kirchenfenster

Ausgangslage

Im Jahre 1859 sind bei einem fürchterlichen Hagelsturm die original gotischen Fenster der evangelischen Kirche Armsheim weitgehend zerstört worden. Da die Kirche im 19. Jahrhundert durch weitere Schicksalsschläge (Zerstörung des Turmhelms durch Feuer) getroffen wurde, hat man erst von 1911-1914 im Rahmen einer umfassenden Renovation durch Prof. Bronner (Mainz) die drei östlichen Chorfenster in Buntglasform wiederhergestellt. Der renommierte Maler und Glaskünstler Otto Linnemann aus Frankfurt hat mit seinen drei großen und großartigen Darstellungen aus dem Leben Christi der Kirche anregende, bis weit in das Mittelschiff wirkende religiöse Kunstwerke geschenkt. Die restlichen drei Chorfenster im Süden und Norden verblieben wie auch die jeweils zwei Fenster im südlichen und nördlichen Seitenschiff bis zum Jahre 2006 im klaren Glas.

 

Begründung für den Einbau von Buntglasfenstern 

Die Kirche in Armsheim besitzt einen original spätgotischen Hochchor, der in seiner baukünstlerischen Gestalt und seiner Formensprache „ zum besten gehört, was im Mittelrheingebiet“ in der Epoche der Gotik entstanden ist (Bickel). Wenn in Kirchenbauten der Gotik der sakrale Charakter und die Aura der Transzendenz so wesentlich mit sakralen Buntglasfenstern verbunden ist, so war es bei der zugewiesenen Erstrangigkeit der Armsheimer Kirche eine Verpflichtung, die nach der Zerstörung von 1859 und nach der Teilrestaurierung von 1911-1914 in Klarglas verbliebenen Chorfenster wieder so herzustellen, wie sie in gotische Zeit einmal gewirkt haben müssen.

Kirchenfenster in der Gotik 

Es war Abt Suger von St. Denis, der bei dem Neubau seiner Abteikirche (1137-44) mit innovativen Bauformen ( u. a. die Verbindung von Spitzbogen und Rippengewölbe) die gotische Kirchenarchitektur als „Architektur des Lichts“ begründete

Den Baumeistern der Gotik ist es gelingen, durch statische Neuerungen die Wände von Kirchenbauten fast gänzlich aufzulösen, um sie rundum und raumhoch durch Fenster zu ersetzen, doch diese architektonische Neuerung war zugleich durchdrungen von einer neuen religiösen Sichtweise, in der das Licht eine zentrale Rolle spielte. Die Menschen des beginnenden Hochmittelalters fassten Licht als eine Erscheinungsform Gottes auf, der es sich in den Kirchen zu öffnen galt. Den gläsernen, transparenten, bunten Bildern schrieb sie Bildern die Kraft der göttlichen Erleuchtung des Menschen zu. Die hohen Buntglasfenster der gotischen Kirchen und Kathedralen vermochten den Gotteshausbesucher bei seiner Betrachtung von den materiellen Gegebenheiten , wie Glas, Farbe und Edelsteine zu dem rein Geistigen, zu dem Licht Gottes hinführen. Der Öffnung nach außen und oben entsprach die Bereicherung nach innen. Die leuchtenden Darstellungen und die Pracht der Ornamente auf den künstlerisch gestalteten Buntglasfenstern waren den Menschen Abbilder des Göttlichen und Ausdruck der Botschaft des Herrn. Neben Kreuz und Altären waren es in der Gotik vornehmlich die kunstvollen Fenster, die den sakralen und transzendenten Charakter eines Kirchenraumes als Gotteshaus ausmachten.

Kirche und Kunst

„Kunst ist nicht entstanden um in beliebiger Weise da zu sein, nein, Kunst entsteht, um in das Leben einzugreifen, um zu bewegen, zu erkennen und möglicherweise zu verändern.

Nur wenn die künstlerische Arbeit wirken kann, hinein in das Gegenüber, nur damit tritt sie aus der Beliebigkeit heraus. Sie wird notwendig, lebenserhaltend. Jeder kennt dieses Ereignis, die seelische Erregung, wenn wir einem Kunstwerk, einem Text, einer Musik begegnen, die über das Sichtbare hinaus hineingreift in das Unsichtbare, hinter den Dingen liegende.

Und da geht es nicht um helle oder dunkle, schöne oder häßliche Werke, sondern um Werke, die Novalis mit diesen Worten umschreibt:

Das Sichtbare ist das in den Geheimniszustand erhobene Unsichtbare.

(Ada von Stockhausen-Isensee).

 

Kunst in der Kirche bleibt wesentlich auf die Bibel und die Botschaft, auf das „Wort“ bezogen. Stockhausens künstlerische Darstellungen sind keine Illustrationen der Bibel. Das Ineinander von Wort und Bild sind religiöser und künstlerischer Ausdruck der Reflexion über Gott, die Bibel und den Menschen.

„Die sich kreuzenden (biblischen) und bildlichen Vorstellungen und Gedanken dienen nicht dazu, sich gegenseitig zu erläutern, sondern die Verdoppelung in Wort und Bild ist ein zweiter Weg zur gemeinsamen Mitte; Wort und Bild liefern einen doppelten Schlüssel zu dem, was sich hinter dem Wort und dem Bild verbirgt.“

(Ada von Stockhausen-Isensee)

Das Fenster der Seligpreisungen

(großes Südenster)

 

Geplant und geschaffen von H.G. von Stockhausen (2006)

Eingebaut im Advent 2006

Eingeweiht im März 2007

Hans-Gottfried von Stockhausen: „Mich interessieren Gesichter und Hände“

(Auszug 2006)

Mich interessieren Gesichter und Hände. Die Hände eines Menschen. Sie müssen den Daumen eines Menschen sehen und wissen, was es für ein Mensch ist. Da sind Berufshände; Berufshände, das spüren sie, wenn sie einem Menschen die Hand geben; Sie spüren, was Sie für einen Menschen gegenüber haben, sie sind schönster Ausdruck eines Menschen. Und hier in diesem Feld haben wir Hände, die so machen, so machen und so machen und ich überlasse es dem Betrachter darüber nachzudenken, was tun Hände, die so machen, was tun Hände die so machen und so weiter. Das ist natürlich eine Zumutung, aber darauf sollten wir, verzeihen sie mir, wenn ich jetzt wir sage, es ankommen lassen und uns die Mühe machen diese Möglichkeit einzubeziehen, um Menschen zu erreichen, die mit dem Wort möglicher Weise gar nichts anfangen können.

Die einen können mit dem Wort nichts anfangen und die anderen nichts mit dem Bild, deshalb schreibe ich auch immer wieder zunehmend solche Texte in das Bild herein. Die man nicht wie eine Bildzeitung lesen soll, man sieht, da ist was geschrieben und der Betrachter muss sich die Mühe geben es zu buchstabieren. Anzufangen. Das habe ich hier in der Stiftskirche in Stuttgart gemacht. In einem Vaterunserfenster, wo einer der gar nichts am Hut hat mit dieser Kirche, der da mal kuckt und liest: „Unser täglich Brot“ – erinnert sich vage `hab ich doch schon mal gehört!’ Und das ist doch die Situation in der wir leben. Unsere Großmütter sind zwar mit dem Gesangbuch in die Kirche gegangen, aber die konnten ihre Lieder auswendig. Ohne Gesangbuch ist man damals nicht in die Kirche gegangen. Die lebten mit solchen Texten. Das klingt jetzt nach frommer Sonntagsgeschichte ist jetzt aber so nicht gemeint. Für mich sind diese Seligpreisungen, diese Geschichten des neuen Testaments, das schönste im neuen Testament, die Gebrauchsanweisung, die Schwierigkeit Mensch zu sein. Das mit solchen Mitteln ein wenig an die Menschen heranzubringen, und ihnen ohne großes Geschwätz sie zu animieren doch ein wenig nachzudenken. Das ist also der Sinn dieser Darstellungen.

2.

Pfarrer Bendler: Meditation zum Fenster der Seligpreisungen

 

1. Bild: unteres, allein stehendes Feld

Erste Seligpreisung: Selig sind die geistlich armen, denn das Himmelreich ist ihr. (Matthäus 5,3)

Wohin geht dieser Blick? Nach oben, himmelwärts? Oder ist es eher ein Blick, Gedanken vergessen, hin in ein unbekanntes Nirgendwo. Was macht der Mensch mit seinen Händen? Sind sie zum Empfangen geöffnet. Wird ihm etwas zugereicht?

Kommt etwas von oben auf ihn herab? Oder sind sie eher geöffnet, damit etwas nach oben entschwinden kann. Deuten sie ein Loslassen oder ein Entgegennehmen an?

Die Unbestimmtheit setzt sich beim Betrachten fort: Züngelnde Flammen scheinen ums Haupt gelegt. Züngelnde Flammen, Kennzeichen einer Befeuerung mit der Kraft aus der Höhe. Zugleich halten die Lichtfunken einen gehörigen Abstand.

Haben keine unmittelbare Verbindung zu dem zu entzündenden zu befeuernde Haupt.

 

Bild 2: untere Dreierreihe, mittleres Feld

Zweite Seligpreisung: Selig sind die da Leidtragen, denn sie sollen getröstet werden. (Matthäus 5,4)

Wir sehen einen Kopf seitlich nach vorne geneigt. Die Augen sind geschlossen.

So als könnten sie das, was sie wahrnehmen nicht länger ertragen.

Waren die Hände gerade noch eben vors Gesicht geschlagen?

Oder stützten sie ein sorgenschwere, kraftloses Haupt?

Von oben kommt ein zweites Paar Hände ins Bild.

Sie berühren vorsichtig und behutsam.

Herantastend, das andere Handpaar, nur sachte ergreifend.

Der, der vor Schrecken gelähmt war und nichts mehr sehen und hören wollte,

soll aufschauen und wieder sehend werden. Für das was kommt.

Für das was inmitten aller Dunkelheit und Schrecken sich schon ankündigt:

Das Gottes Reich kommt in Schmerzen zur Welt.

Wir müssen durch viel Trübsal zur Herrlichkeit.

 

Bild 3: obere Dreierreihe, mittleres Feld

Dritte Seligpreisung: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. (Matthäus 5,5)

Hände schützen und umhegen eine Blume. Wie ein bergendes Zelt.

Wie ein schützender Mantel schaffen sie einen sicheren Raum für das Gewächs.

Diese Hände deuten keinen Schaffen an.

Eher ein Hegen und Pflegen, Bergen und Hüten.

Das sind Dienste eines Gärtners und eines Hirten.

Gärtner und Hirte, beides sind wiederum biblische Bilder um für uns Gott anschaulich werden zu lassen.

Seine Fürsorge und seine Vorsorge für uns Menschen wird solche Bilder eindrücklich.

Die hegende und pflegende Sanftmut Gottes ist als Beispiel gesetzt.

Die Sanftmütigen, die die Hirten und Gärtner gleichen werden das Erdreich besitzen.

Nicht Könige und bewaffnete Mächte werden auf Dauer das Erdreich besetzen und besitzen, sondern die die hegen und pflegen, schützen und behüten.

 

Bild 4: obere Dreierreihe, linkes Feld

Vierte Seligpreisung: Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. (Matthäus 5,6)

Da ist einer sehend geworden. Hat einen Durchblick bekommen. Es ist ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Da hat einer sehen gelernt. Vielleicht wurde er von einem anderen wahrzunehmen gelehrt. Klar erkennt er jetzt, wie es sich wirklich verhält.

Dazu ein Zitat: Ein Augusttag in Genf. Ein Park an leichtem Hügel, exotische Bäume, jahrhundertealt. Die schwere Pracht von Blumenbeeten als Farbflecke im gepflegten Rasen, und dann in strahlendem Weiß eine Villa, Rokoko, von Buschhecken umgeben, französische Eleganz, und vom See herauf grüßen Segelboote. Ich gehe herum, staune und freue mich an all dem Schönen und erfahre, dass Villa und Park von einem Genfer erstellt wurde, der sein Geld im Sklavenhandel gemacht hatte. Also: ich habe gestaunt, mich gefreut, ich ging herum und war entzückt, weil Menschen geraubt, verfrachtet, gepeitscht, ausgebeutet wurden. Die Schönheit, die ich sah, war auf lauter Unrecht und Grausamkeit gewachsen.

Im Park des Sklavenhändlers ist mir etwas davon aufgegangen, wie sehr wir Menschen heimlich zusammenhängen im Unrecht, wie sehr wir davon leben, dass vor uns und um uns Unrecht geschah. Wohl kann ich den Park in Genf fluchtartig verlassen, aber ich bleibe in der Welt, in der ich auf Kosten anderer lebe, und alles Lachen bezahlen andere mit Tränen.“

 

Sehend werden, durchblicken, begreifen wie es sich wirklich verhält. Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, heißt das Recht Gottes, als das Nötigste und das Dringendste ansehen für die Welt. Wohl uns, wenn wir durchblicken, wenn wie tun was Gott recht ist.

 

Bild 5: obere Dreierreihe, rechtes Feld

Fünfte Seligpreisung: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. (Matthäus 5,7)

Zwei Hände begegnen sich. Es sind geöffnete Hände. Keine geballten Fäuste. Hände können schlagen, verletzten und wehtun. Hände können streicheln und liebkosen. Sie können Wunden schlagen oder Wunden verbinden. Sie können den Abzug einer Waffe bedienen, oder sich einem Ertrinkenden rettend entgegenstrecken. Hier begegnen sich Hände, festlich umkränzt mit Blütenfächern und Zweigen. Es wird gefeiert und getanzt! Warum diese Heiterkeit und Lebensfreude? Darum! Dort wo Barmherzigkeit wohnt, da begegnen sich Gott und die Menschen. Barmherzigkeit ist nicht etwa eine Laune Gottes. Barmherzigkeit ist Gottes innerstes Wesen. Wo ein Mensch Barmherzigkeit empfängt und sie weiter gibt, da gehen Gott und die Menschen Hand in Hand. Da beginnt ein ausgelassenes Fest des Lebens.

 

Bild 6: untere Dreierreihe, linkes Feld

Sechste Seligpreisung: Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. (Matthäus 5,8)

Was wollen diese Hände sagen? Geben sie, nehmen sie? Sie sind in die Höhe gestreckt. Nach oben geöffnet. Sie formen sich wie zu einem Trichter. Ein Trichter fängt auf. Sammelt wertvolles. Etwas, was unter keinen Umständen verloren gehen oder vergossen werden soll. Himmlisches soll gefasst und gesammelt werden. Wir können uns das reine Herz nicht selber machen. Worte meines theologischen Lehrers: „Ich kann in Punkto Herz nicht mein eigener Schornsteinfeger sein. Das macht doch viele Christen zu Dunkelmännern, dass sie ständig an ihrem Herzen herumputzen wollen. Da kann ich nur schwarz werden, je mehr ich an diesem Schornstein herumfummle. Schon im Anfang der Bibel heißt es: dass das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse sei von Jugend auf. O, nein diesen Kamin kriegen wir selber nicht und nie rein“ (Rudolf Bohren, „seligpreisungen der bibel – heute“; S.: 81).

So bittet der Psalmbeter und wir beten mit ihm, wenn wir zum Tisch des Herrn gehen: „Schaffe in mir Gott, ein reines Herz!“ Das Wort das der Psalmist dabei benutzt, wird einzig für das Schaffen Gottes genutzt. Nur der himmlische Herr und Vater, kann uns ein reines Herz und einen neuen und gewissen Geist schaffen.

 

Bild 7: untere Dreierreihe, rechtes Feld

Siebte Seligpreisung: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Matthäus 5,9)

Wir sehen Gottes Auge. Scheinbar ganz im Hintergrund, und doch sehr bezeichnend und bedeutungsvoll. Das Auge Gottes wacht über einem Ereignis. Was geschieht? Wir sehen Hände die sich aufeinander zu bewegen. Hände die beweglich und hier ganz aktiv sind. Jesus meint mit den Friedfertigen keine Harmlosen, keine Zufriedenen, die kein Wässerlein trüben können. Die Tat zu Frieden wird gepriesen. Glücklich die Verfertiger, die Macher des Friedens. Macher werden biblisch fast immer kritisch gesehen. Denn sie versagen dem Schöpfer die diesem gebührende Ehre. Einzig hier werden Macher beglückwünscht. Im Friedenmachen bewährt sich das reine Herz. Das Friedenmachen ist die Folge der Barmherzigkeit, des Hungerns und Dürstens nach Gerechtigkeit, der Sanftmut, der Trauer, der geistlichen Armut. Alles was Jesus zuvor selig gepriesen hat, drängt nach dem einen: zum Herstellen des Friedens! Diesen Machern gehört die Gotteskindschaft.

 

Bild 8: oberes, allein stehendes Feld

Achte Seligpreisung: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. (Matthäus 5,10)

Wir sehen gebundene Hände. Gebunden mit einem dicken, starken Strick. Es sind Hände die nach einem Kelch greifen. Der Kelch ist gefüllt mit Blut.

Die Szene ist umrahmt von einem geflochtenen Dornenkranz. Die letzte Seligpreisung öffnet die Tür zu einem Geheimnis: Gott ist verbunden mit dem Leiden seiner Erwählten. Wir sind eingeladen zum Schluss über dieses Geheimnis nachzudenken, damit wir einen Mut von oben entgegennehmen. Mut der uns immer wieder fehlen wird.

Die Gemeinde der Kinder Gottes, wird um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird. In der Aussendungsrede werden die Jünger auf Verrat, Verhaftung und Auspeitschung vorbereitet. Doch zunächst noch ein Gedanke zum Leiden: Ich erinnere mich an eine Szene in Pompeji. Zu sehen zwei Erwachsene und drei Kinder in Schmerzen verkrümmt, qualvoll vor fast 2000 Jahren von dem Ascheregen versteinert und einbetoniert. Ich dachte was für ein sinnloses und grausames Leiden.

Jesus sagt: um der Gerechtigkeit willen verfolgt zu werden, das meint ein anderes Leiden. Das ist nicht sinnlos, das ist selig, das ist heilvoll. Diesem Leiden fällt der Sieg zu, die Gottesherrschaft.

Ein Kelch des Leidens, gebundene Hände, der Dornenkranz.

Bonhoeffers Gedicht von den guten Mächten beginnt zu klingen,

besonders der nachfolgende Vers:

„Und reichst du uns den schweren Kelch,

den bittren des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus deiner guten und geliebten Hand.“

 

3.

Reinhard Zink: Das Fenster der Seligpreisungen als sakrales Kunstwerk- Anmerkungen

 

Professor Hans-Gottfried von Stockhausen spricht selbst vom meditativen Umgang des Menschen mit Kirchenfenstern, indem diese etwas im Herzen des Betrachters bewegen. Stockhausen stellt dies in Bezug zu seiner eigenen Kindheit, da ihn als Kind beim Besuch der sonntäglichen Messe die Kirchenfenster und Wandmalereien in besonderer Weise beeindruckten. Aber auch der Bezug zur Gotik selbst lässt an diesen meditativen Charakter der farbigen Kirchenfenster denken, denn diese vermittelten dem Betrachter nicht nur eine biblische Botschaft, sondern trugen wesentlich zur Schaffung einer ganz speziellen Atmosphäre bei. Der Besucher der gotischen Kirche sollte sich in einem von der profanen Welt abgeschotteten und entrückten Raum befinden, der sozusagen das „himmlische Jerusalem“ vorwegnahm. Die Armsheimer Kirche selbst ist ein Bauwerk aus der Gotik und somit entspricht der von Stockhausen angesprochene meditative Charakter seiner Glaskunst der Denkweise und Umgangsweise der Gotik mit Kirchenfenstern.

 

Als Hans-Gottfried von Stockhausen als Kriegsgefangener in Ägypten auf dem Schwarzmarkt nach Zigaretten Ausschau hielt, bekam er eine Bibel zugesteckt. Diese las er von vorn nach hinten durch und so wurde die Bibelbotschaft ihm zum Leitfaden seiner eigenen Lebensbotschaft. In diesem Sinne passen die „Seligpreisungen“ der Bergpredigt inhaltlich in idealer Weise zu Stockhausens, da sie Lebensrichtlinien wiedergeben.

 

Im Bereich der Form- und Farbgebung der Glasfenster der Seligpreisung bestimmen drei Elemente deren Gestaltung:

 

Gegenständliche Motive stellen einen wesentlichen Teil der Bildgestaltung dieser Glasfenster dar, zumal der Beschauer sein Augenmerk in besonderer Weise auf Gegenständliches richtet. Hierbei setzt sich Stockhausen ganz bewusst ab von den danebenliegenden Linnemann-Fenstern, die Ganzfiguren zeigen, und beschränkt sich auf die Darstellung von Köpfen und Händen. Gerade Hände charakterisieren für den Künstler den Menschen. In differenzierten Gesten werden unterschiedliche Handlungen angedeutet. Die Begriffe „Hände“ und „handeln“ sind so nicht nur von der Sprache her sondern auch in der Bilddarstellung direkt miteinander verbunden. Dieser Einsatz von „sprechender Gestik“ hat viele Parallelen beginnend von der mittelalterlichen Bilddarstellung bis zur Renaissance hin, beginnend mit der „sprechenden Gestik“ der Hände in der Buchmalerei der Romanik und sich fortsetzend bis zum von Grünewald gemalten überlangen Fingers eines Johannes d.T. auf dem Isenheimer Altar oder den sich fast berührende Fingern des Michelangelo-Frescos in der Sixtinischen Kapelle. Bei Stockhausen sind es zum Himmel gerichtete betende, flehende oder empfangende Hände und von oben nach unten gerichtete gebende oder segnende Hände. In einzelnen Bilddarstellungen treffen Hände beider Ausrichtungen aufeinander, begegnen sich mit gewisser Distanz oder aber umschließen bzw. berühren sich liebevoll. Neben den Händen, die in allen gegenständlichen Bildfeldern erscheinen, treten in drei Bildfeldern auch Köpfe ins Zentrum der Bildgestaltung. Hierbei ist die Kopfhaltung und Mimik von sprechendem Ausdruck. Die Köpfe schauen zum Himmel, nach unten oder direkt zum Betrachter, wobei die Blickrichtungen der Köpfe inhaltlich auf die einzelnen Aussagen des Bibeltextes bezogen sind. So wird die Verheißung des Himmelreichs direkt mit einer Blickrichtung nach oben verbunden. Den Kopf als Zentrum des Denkens hat dann Professor von Stockhausen direkt mit den Händen als Zeichen des Handels verbunden. Zwei oder vier Hände umschließen jeweils einen Kopf. So entsteht eine Einheit von Denken mit der rational geprägten Lebenshaltung und dem Handeln, das diese christlich-ethischen Werte in Taten umsetzt. Die Art und Weise wie Prof. von Stockhausen Hände und Köpfe wie collagehaft zusammenkopiert erinnert dies ebenfalls an die hochgotische Tafelmalerei, in der auf einfarbigem Goldgrund neben Figuren auch Einzelsymbole isoliert aufgemalt wurden. Bei Stockhausen befinden sich die Einzelformen wie Hände, Köpfe, Kerze, Flamme und Blätter auf einfarbigem blauem Grund, den Himmel assoziierend. Eingefasst werden die bildlichen Darstellungen jeweils in einer Kreisform, die das kompositorische Grundelement der Fenster bildet.

 

Die Schrift in den Glasfenstern ist Informationsträger und spielt somit auf die Bibel als niedergeschriebenes Wort Gottes an. Inhaltlichen wird jede Bibeltextstelle dem jeweiligen Bild zugeordnet. Indem Prof. v. Stockhausen eine Schreibschrift auswählt, bezieht er sich auf die Kalligrafie des Mittelalters, wo die Bibel per Hand geschrieben wurden und auch die Schrift mit dem Bild wie etwa bei Initialen verbunden wurde. So wie Stockhausen die Schrift gestaltet, bildet sie ein dynamisches Strukturelement, das in der Kunst der 50er Jahre z. B. in „Art Informel“ seine formale Parallele findet. Auch kompositorisch sind die Schriftfelder mit den bildlichen Darstellungen verbunden durch die einfassende Kreisform sowie die direkte Verbindung der Bildfelder mit den Schriftfeldern.

 

Das dritte Gestaltungselement der Armsheimer Fenster der Seligpreisungen ist der Einsatz abstrakter Farbfächen als dekorative Elemente. Ungegenständliche, geometrische Formen strukturieren die große Glasfächen, bilden Rahmenelemente und stellen so auch einen Bezug zur gotischen Glasmalerei her. Speziell die Kreisform ist die dominierende Form und nimmt somit das Motiv der Rosette auf, das sich ja auch in der Architektur der Armsheimer Kirche wiederfindet. Zudem ist die Kreisform durch dessen christliche Symbolik für Vollkommenheit inhaltlich mit den Kernaussagen der Seligpreisungen verbunden. Während die Bleiruten die einzelnen Farbflächen voneinander trennen und das Korsett der Gestaltung bilden, werden Farbflächen noch einmal durch organische Motive wie Blätter differenziert, wobei so eine Rhythmisierung und Strukturierung der Farbflächen erreicht wird.

 

Gegenständliche Hand- und Kopfmotive, Bibeltexte und abstrakte Formen mit Symbolgehalt verschmelzen im Armsheimer Fenster der Seligpreisungen zu einer vollkommenen Einheit, die den Betrachter emotional in Bann schlägt und in seiner religiös-ethischen Aussage zum Nachdenken und Überdenken des eigenen Handelns anregt.

 

Das Fenster der Werke der Barmherzigkeit

(kleineres Südfenster)

 

Geplant und geschaffen von H.G. von Stockhausen in 2007

Eingebaut im Februar 2008-03-23

 

 

Das Fenster der Werke der Barmherzigkeit verzichtet auf figürliche Darstellungen. Während die Ornamente die Formen des Fensters der Seligpreisungen aufnehmen, sind die vier Bildfelder rein kalligraphisch gestaltet. In künstlerisch verfremdeter Weise erscheint der Bibeltext „Werke der Barmherzigkeit“ (Mathäusevangelium) als Bild. Es scheint, als habe H.G. von Stockhausen in seinen jahrelangen Bemühungen um die Verquickung von Wort und Bild eine weitgehende Synthese und Verschmelzung erreicht. In der Farbgebung knüpft dieses Fenster an das vorhergende an, doch bindet es zusätzliche Farbtöne (grün, violett) ein und fällt insgesamt in Farben kräftiger, weniger hell und wärmer aus.