Die Reste der mittelalterlichen Farbverglasung

von Uwe Gast

Erstmals seit langer Zeit, ja, vielleicht erstmals seit dem Mittelalter, ist der Chor der Kirche Zum Heiligen Blut in Armsheim wieder vollständig mit einer farbigen Verglasung versehen. Nachdem er zuletzt in den Jahren 2006, 2008 und 2009 anstatt der einfachen Blankverglasung in seinen Seitenfenstern nach und nach neue Farbfenster von Hans Gottfried von Stockhausen erhalten hat, sind in ihm nunmehr mit den Resten seiner mittelalterlichen Farbverglasung, den 1911 hinzugekommenen Kompositionen Otto Linnemanns – Letztere in den drei Fenstern des Chorhauptes – und den erwähnten jüngsten Werken Glasmalereien dreier verschiedener Epochen und Stile versammelt. Innerhalb dieses Ensembles spielen die mittelalterlichen Reste aber keine bedeutende Rolle – deshalb, weil sie im Maßwerk der drei mittleren Chorfenster dem Blick des Betrachters weitgehend entzogen sind und es sich dem ungeübten Auge schwer erschließt, was es denn überhaupt dort sieht. Gleichwohl erlauben die wenigen originalen Scheiben, die erhalten geblieben sind – ein Rechteckfeld mit Engeln in der Sakristei gehört dazu –, eine vage Vorstellung von der ehemaligen Farbverglasung des Chores zu gewinnen, d.h. ein Bild von dem Bau in seinem ursprünglichen Zustand. Die folgenden Überlegungen hierzu sind nicht selbstzweckhaft: Erst die Sicht aus einer historischen Perspektive ermöglicht es uns, die jüngeren Maßnahmen zu verstehen und gerecht zu beurteilen.

Mittelalterliche Farbverglasung: Rechteckfeld mit Engeln in der Sakristei Abb. 2

Mittelalterliche Farbverglasung: Rechteckfeld mit Engeln in der Sakristei Abb. 2

Wer die Armsheimer Kirche durch den Eingang auf der Südseite betritt, stößt in der Vorhalle auf eine lateinische Inschrift, die das Gründungsdatum und den Anlass zum Kirchenneubau festhält, außerdem die Namen aller eng mit ihm verbundenen Herrschaften: Demnach wurde der Kirchenbau am 9. Mai 1431
obreverencia(m) · mirifici · sangwinis · d(omi)ni · n(ost)ri · ih(es)u · (Christi)
– aus Verehrung des wundertätigen Blutes unseres Herrn Jesu Christi – begonnen, dies unter den Ortsherren Pfalzgraf Stephan von Simmern-Zweibrücken († 1459) und Graf Friedrich III. von Veldenz († 1444), dem Mainzer Erzbischof Konrad III. von Dhaun († 1434) und dem Pfarrer Konrad Oedenkemmer († 1443).

Oberhalb des weitschweifigen Textes stehen zwei Engel, die in Anspielung auf das Blutwunder ein Korporale mit Messkelch präsentieren; zu ihren Seiten erscheinen die Wappen der Ortsherren, während im Zentrum unterhalb des Korporale das Wappen der Familie der Vetzer von Geispitzheim (Gabsheim) prangt, die sich als damaliger Inhaber des Armsheimer Kirchsatzes an der Baufinanzierung beteiligt zu haben scheint (1).

Was es indes mit dem in der Inschrift genannten Blutwunder auf sich hat, ist nicht überliefert; bekannt ist allein, dass das – in das 14. Jahrhundert zu datierende? – Ereignis eine Wallfahrt ausgelöst hat.

1466 weiß Gräfin Elisabeth von Bayern, die Frau Graf Hessos von Leiningen, ihrer Schwägerin Anna zu berichten, dass in „Armßheym … daz heylge blüt gar gnedeclichen rast [ruht?] und groß gnad und ablass sei (2)“. Insgesamt ist die Überlieferung jedoch sehr dünn. Wir können nur vermuten, dass der Vorgängerbau – eine Remigiuskirche – nicht nur zu klein war, um die Pilgerschaft zu fassen, sondern dass er auch den mit der Wallfahrt gestiegenen Ansprüchen der Repräsentation nicht mehr genügte. Denn im Unterschied zum heutigen Bau dürfte jene Remigiuskirche ein äußerst bescheidenes Gotteshaus gewesen sein.

Der fällige Neubau wurde also ab 1431 in exponierter, die umgebende Bebauung deutlich überragender Lage errichtet. Dabei wurde mit dem Chor begonnen, der bereits um 1440 fertiggestellt und nutzbar war. Am Langhaus wurde bis in die 1470er-Jahre hinein, am Turm wohl auch noch darüber hinaus gebaut (3).

Als hoher, heller, über das gedrückte Langhaus sich erhebender Bau steht der Chor für sich. Er besteht aus einem kurzen, breiten Joch und ist über fünf Seiten des Achtecks geschlossen.Der Schlussstein seines Gewölbes zeigt wiederum einen Engel mit Korporale und Messkelch, der das Kirchenpatrozinium Zum Heiligen Blut symbolisiert. Durch sechs Fensteröffnungen, die – mit Ausnahme des verkürzten Fensters über der Sakristei – durch eine Maßwerkbrücke zweigeteilt sind und wechselweise aus drei bzw. zwei Bahnen bestehen, erhält er viel Licht und hebt sich auch dadurch von dem dunkleren Langhaus ab. Dass seine Architektur sichtlich von Bauten wie dem Chor der Kirche St. Leonhard in Frankfurt a. M. (Weihe 1434) und dem Westchor der Katharinenkirche in Oppenheim (Weihe 1439) abhängt, ist in der Forschung längst bemerkt worden(4); dass diese Bezüge zu Frankfurt und Oppenheim aber gleichermaßen für die Reste seiner mittelalterlichen Farbverglasung festzustellen sind, wurde dagegen bisher übersehen.

Um 1910, kurz bevor die Reste der mittelalterlichen Chorverglasung von Otto Linnemann erstmals fachmännisch restauriert und ergänzt wurden, entstand eine fotografische Aufnahme ihres damaligen Zustandes (Abb. 6): Von einem Rechteckfeld im mittleren Chorfenster (I) abgesehen – es ist oben in der Mitte gut zu erkennen –, gab es alte, d.h. mittelalterliche Reste nur in den kleinen Scheiben im Abschluss der Fensterbahnen, also in den sog. Kopfscheiben der drei Fenster sowie in den Maßwerköffnungen darüber, in den Dreipässen und Fischblasen des mittleren und des rechten Fensters (süd II). Alles Übrige bestand aus einer ornamentalen Verglasung des 19. Jahrhunderts. Diese Verglasung, deren Muster vielleicht nur mit Ölfarben auf blankes Blas gemalt (und nicht mit Lotfarbe aufgetragen und eingebrannt) waren, wurde 1859 eingesetzt, nachdem ein „furchtbares Hagelwetter“, wie es heißt, die Kirchenfenster zerstört hatte(5). Was damals an mittelalterlichen Scheiben erhalten war, dürfte ebendiesem Unwetter zum Opfer gefallen sein. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass es auch schon früher zu Zerstörungen gekommen ist.

Doch dank ihres kleinen, weniger zerstörungsanfälligen Formats, dank auch eines gewissen Schutzes durch den Stein und den hohen, schwer zugänglichen Standort haben im Maßwerk einige Scheiben aus der Erbauungszeit des Chores alle Unbilden der Zeit bis heute überlebt (Abb. 3–5).

Chorfenster nord II. Maßwerkverglasung Abb. 3

Chorfenster nord II. Maßwerkverglasung Abb. 3

 

Chorfenster I. Maßwerkverglasung Abb. 4

Chorfenster I. Maßwerkverglasung Abb. 4

 

Chorfenster süd II. Maßwerkverglasung Abb. 5

Chorfenster süd II. Maßwerkverglasung Abb. 5

Oberhalb der Ornamentbahnen, mit denen Linnemann die obere Hälfte der drei mittleren Chorfenster füllte, erscheinen in den Kopfscheiben unvermittelt Tabernakelspitzen, Fialen, Kreuzblumen und Kuppeln, in den Maßwerkscheiben darüber sehen wir sowohl Blätter als auch Blüten in verschiedenen Formen. Zwar sind große Teile aller dieser Scheiben von Linnemann ergänzt worden – der große Vierpass im linken Fenster (nord II) ist sogar vollständig erneuert (Abb. 3) –, doch sind die Kompositionen der einzelnen Darstellungen durch die alte Fotografie gesichert (Abb. 6).

Blick in den Kirchenchor. Zustand der Verglasung um 1910 Abb. 6

Blick in den Kirchenchor. Zustand der Verglasung um 1910 Abb. 6

Diese Tabernakelspitzen, Fialen, Kreuzblumen und Kuppeln sind Elemente unterschiedlicher architektonischer Bekrönungen. Mit ihnen fanden Architekturen, die einstmals in den heute mit Ornamenten gefüllten Feldern zu sehen waren, einen buchstäblich krönenden Abschluss. Wir dürfen uns die Architekturen als Tabernakel vorstellen, als von Säulchen getragene, hoch aufragende Bedachungen, unter denen entweder einzelne Heiligenfiguren dargestellt waren oder auch ganze Szenen aus der Heilsgeschichte. Die Standfiguren unter Bekrönungen erstreckten sich dabei über mehrere Felder hinweg in die Höhe, in ähnlicher Weise, wie es auch in manchen Fenstern der ehemaligen Karmeliterkirche in Boppard zu sehen war (Abb. 7); in Armsheim war mit Sicherheit das linke Chorfenster (nord II) mit Standfiguren gefüllt. Die Szenen aus der Heilsgeschichte hingegen, die mit gleicher Sicherheit im Fenster I in der Mitte zu erwarten sind, waren große, bildartige Kompositionen, die jeweils die obere und untere Hälfte des zweigeteilten Fensters füllten. Sie standen in Bezug zum Hl.-Blut-Patrozinium der Kirche und könnten, wie z.B. in Rothenburg ob der Tauber, eine Kreuzigung Christi mit eucharistischem, d.h. auf das Messopfer bezogenen Gehalt gezeigt haben.

Nur eine einzelne Scheibe, die einmal zu einer solchen Komposition gehört hat, ist erhalten. Es ist das schon erwähnte Rechteckfeld in der Sakristei, das ursprünglich oben im Fenster I des Chores eingesetzt war (Abb. 2, 6). Möglicherweise haben die kleinen Engel unter einer mächtigen Tabernakelbekrönung einmal zu einer derartigen Kreuzigung Christi gehört.

Im Gegensatz zu den Tabernakelarchitekturen der Chorfenster I und nord II zeigt das rechte Chorfenster süd II als Bekrönung seiner beiden Bahnen jeweils das bemerkenswerte Motiv einer Kuppel (Abb. 5). Hier bleibt es unsicher, was sich unterhalb dieser Kuppeln befunden hat. In Frage kommen sowohl Tabernakel mit Standfiguren von Heiligen, wie wir sie bereits für das linke Fenster rekonstruiert haben, als auch szenische Darstellungen, zu deren Inhalt sich nichts aussagen lässt.

Die Kuppeln in den Kopfscheiben geben uns dafür einen ersten Hinweis auf das künstlerische Milieu, in dem die Glasmalereien in der Zeit um 1440 entstanden sind. Wolfgang Bickel hat nämlich die interessante Beobachtung gemacht, dass diese Kuppeln sicherlich nicht zufällig von der Art sind wie ebenjene Kuppelbekrönung, die der Turm der ehemaligen Stiftskirche St. Bartholomäus in Frankfurt a. M. nach dem Plan des Baumeisters Madern Gerthener († 1430) erhalten sollte(6).

Da aber auch der – für Armsheim vorbildliche – Chor der Kirche St. Leonhard in Frankfurt auf Planungen von Madern Gerthener zurückgeführt wird, liegt es nur nahe, die Armsheimer Reste mit den dort noch in großer Zahl vorhandenen Glasmalereien aus der Zeit um 1430/35 zu vergleichen. Maltechnische Übereinstimmungen lassen sich z.B. mit einzelnen Darstellungen aus der Legende der Hl. Katharina feststellen(7).

Insgesamt sind es aber eher die nur in Fragmenten erhaltenen, um 1435/40 entstandenen Glasmalereien aus dem Westchor der Katharinenkirche in Oppenheim, in deren Werkstatt-Umkreis auch die Fenster für die Armsheimer Kirche angefertigt
worden sein müssen. Jedenfalls erinnern die pausbäckigen Engel der Sakristeischeibe an einige Figuren aus dem Oppenheimer Westchor (Abb. 2, 8). Heute im Fenster I des Ostchores eingesetzt, sind diese Glasmalereireste aus dem Westchor von derselben Werkstatt geschaffen worden, die in den 1440er-Jahren für die Karmeliter in Boppard tätig war (Abb. 7).

 

Hl. Jakobus der Ältere aus Boppard. New York, The Metropolitan Museum of Art, The Cloisters. Um 1443–1446 Abb. 7

Hl. Jakobus der Ältere aus Boppard. New York, The Metropolitan Museum of Art, The Cloisters. Um 1443–1446 Abb. 7

Trauernde Maria. Oppenheim, Katharinenkirche. Um 1435/40 Abb. 8

Trauernde Maria. Oppenheim, Katharinenkirche. Um 1435/40 Abb. 8

Die Reste der mittelalterlichen Farbverglasung in Armsheim sind zu gering und zu stark ergänzt, um sie mit Bestimmtheit einem der in Frankfurt a. M., Oppenheim und Boppard tätigen Glasmaler zuschreiben zu können. Das ist aber auch nicht zwingend nötig. Wichtiger ist es festzuhalten, dass sowohl die Architektur als auch die Verglasung im Wesentlichen auf denselben künstlerischen Voraussetzungen fußen. Wie es bei der Wahl des Baumeisters geschehen war, zog man für die Ausführung der um 1440 entstandenen Farbverglasung Kräfte heran, die an den bedeutendsten Bau- und Ausstattungsprojekten ihrer Zeit am Mittelrhein beteiligt gewesen sein könnten. Dass dies heute indessen mehr zu erahnen als zu erkennen ist, ist dem nahezu totalen Verlust der Verglasung spätestens im 19. Jahrhundert geschuldet. Ebendieser Verlust stellte Otto Linnemann im Jahr 1911, als die drei mittleren Chorfenster unter Beibehaltung der mittelalterlichen Reste neu verglast wurden, vor die schwere, nur z.T. überzeugend gelöste Aufgabe, Altes und Neues zu einer Einheit zusammenzuführen.

Der vorliegende Beitrag ist eine kurze Zusammenfassung des Armsheim-Kapitels aus folgendem, in Bälde erscheinendem Buch: Uwe Gast, Die mittelalterlichen Glasmalereien in Oppenheim, Rhein- und Südhessen (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland III, 1). Fußnoten finden sich daher nur bei Zitaten und an jenen Stellen, die sich ausdrücklich auf Ergebnisse anderer Autoren beziehen.

1 Dies vermutete schon Wolfgang Bickel, Die Kirche Zum Heiligen Blut in Armsheim als Spiegel ihrer Zeit, Worms 2004, S. 8, allerdings in Unkenntnis des unmittelbaren Bezugs der Vetzer von Geispitzheim zur Kirche in Armsheim. – 2 Deutsche Privatbriefe des Mittelalters, I: Fürsten und Magnaten, Edle und Ritter
(Denkmäler der deutschen Kulturgeschichte I), Berlin 1899, S. 75, Nr. 101. – 3 Friedrich W. Fischer, Die spätgotische
Kirchenbaukunst am Mittelrhein 1410–1520 (Heidelberger Kunstgeschichtliche Abhandlungen N.F. 7), Heidelberg 1962, S. 97–101; Bickel 2004 (s. Anm. 2), passim. – 4 Fischer 1962 (s. Anm. 3), S. 99f.
– 5 Georg Durst, 500-Jahrfeier der Grundsteinlegung 1431 Christi Himmelfahrt 1931. Die evangelische
Kirche zu Armsheim, Mainz (1931), S. 12. – 6 Bickel 2004 (s. Anm. 2), S. 42. – 7 Daniel Hess, Die mittelalterlichen
Glasmalereien in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland
III, 2), Berlin 1999, Textabb. 39, Fig. 38f., Farbtaf. VIf., Abb. 47–54.

Abbildungsnachweis
Abb. 1, 3–5 , 8: Corpus Vitrearum Deutschland, Freiburg i. Br.;
Abb. 2: Klaudia Schäfer;
Abb. 6: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesdenkmalpflege, Mainz;
Abb. 7: The Metropolitan Museum of Art, The Cloisters, New York.