Die Baugeschichte

Erkenntisse der Baugeschichte

Erste Erwähung 1243

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Bornheimer Kirche im Jahre 1243, sie war schon damals Pfarrkirche und dem heiligen Martinus geweiht (1). Der älteste Teil, der Chorturm, entstand nach Literaturangaben um 1200 (2). Laut gleicher Quelle fand ein Umbau um 1320 statt, dabei wurden im Erdgeschoss gotische Maßwerkfenster eingebaut, aus dieser Zeit stammen auch der Triumphbogen, das Chorgewölbe und die mittelalterlichen Wandgemälde. Die im romanischen Stil gehaltenen Klangarkaden im Glockengeschoss blieben dabei erhalten.
Erwähnenswert ist noch der Anbau der Sakristei im 15. Jahrhundert, ebenfalls mit gotischem Maßwerkfenster und Kreuzgewölbe im Stil der Zeit.

Zerstörung durch die Franzosen 1690

Im Jahre 1690 wurde dann die Kirche durch französische Truppen derart beschädigt, dass das Schiff abgebrochen werden musste. Auch der Turm wurde durch Feuer stark in Mitleidenschaft gezogen, konnte aber kurz darauf wieder instandgesetzt werden. Aus dieser Zeit stammen der komplette Dachstuhl und der Glockenstuhl.
Wesentliche bauliche Veränderungen wurden während dieser Reparaturmaßnahmen am Turm wohl nicht vorgenommen, an der östlichen Giebelwand ist noch der Verlauf der Dachsparren vor dem Brand als Absatz im Mauerwerk zu erkennen, er zeigt, dass das Satteldach vorher die gleiche Höhe und etwa die gleiche Neigung hatte.
Die östliche Giebelfensteröffnung diente jetzt als Auflagefläche des mittleren tragenden Balkens der neuen Dachkonstruktion.
Auffallend am Mauerwerk des Turminneren ist eine umgehende Stufe kurz oberhalb der drei romanischen Klangarkaden, ab hier verjüngt sich das aufgehende Mauerwerk. An der südlichen Wand ist dieser Sims teilweise niedriger und unregelmäßig.
Der Schluss liegt nahe, dass dies keine gewollte Geschosstrennung der ursprünglichen Planung ist, die unordentliche Ausführung der südlichen Stufe lässt eher auf Reparaturarbeiten schließen und könnte ein Hinweis darauf sein, dass in früheren Zeiten das obere Giebelmauerwerk entweder zerstört oder abgetragen wurde und erneut mit geringerem Querschnitt in der heutigen Form aufgemauert wurde. Über die Höhe und das Aussehen des Turmes vor dieser vermuteten Änderung kann natürlich heute keine Aussage mehr gemacht werden. Jedenfalls scheint diese bauliche Maßnahme nicht nach dem Brand von 1690 stattgefunden zu haben, ein gotisches Spitzbogenfenster in der westlichen Giebelwand spricht dagegen. Überraschender Weise ergab sich jedoch eine Möglichkeit, das Datum dieser Baumaßnahme genau zu bestimmen. Beim Neuerrichten des Mauerwerks oberhalb der oben beschriebenen Stufe wurden eine Lage Eichenbalken quer durch den Turm in Ost-West-Richtung eingemauert, es müssen etwa fünf Stück gewesen sein. Zwei sind noch heute erhalten und tragen Brandspuren, von den übrigen existieren zum Teil noch die Löcher im Mauerwerk.
Diese Balken sind sehr tief in die östliche und westliche Giebelwand eingelassen, ein nachträglicher Einbau scheint unwahrscheinlich, sie müssen im Zuge der Neuerrichtung der Giebelwände eingesetzt worden sein. Unklar scheint die Bedeutung dieser Balkenlage, sie liegt ca. 1 m unterhalb des heutigen Dachstuhles. Als Träger einer Zwischendecke sind die zwei erhaltenen Stämme zu krumm, als Teil eines früheren Dachstuhles kann man sie schlecht betrachten, da sie sich weit unter der heutigen Dachkonstruktion befinden. Sollten sie zur Stabilisierung des Turmmauerwerkes gedient haben?
Eine dendrologische Untersuchung des südlichen noch erhaltenen Balkens, vom Verfasser 1985 veranlasst, ergab als Datum der Fällung Ende 1286. Damit ist erwiesen, dass der Turm oberhalb dieser zwei noch erhaltenen Balken 1286/1287 entstanden sein muss. Leider lässt sich nach diesen Überlegungen nicht ermitteln, wie alt der untere Teil des Turmes mit seinen romanischen Klangarkaden ist. Ein Stück Rüstholz, tief im Mauerwerk unter den Schallfenstern verborgen, konnte damals gesichert werden, eine Altersbestimmung war jedoch bis jetzt nicht möglich, da die Zahl der Jahresringe zu gering ist und es sich zudem nicht um Eiche, sondern erstaunlicherweise um Rüster handelt, das nicht oft als Bauholz verwendet wurde. Vielleicht können zukünftige Untersuchungsmethoden mehr Aufschluss bringen.

Bereits 1287 ein erster Umbau?

Man sollte überlegen, ob die umfassenden Umbaumaßnahmen im Erdgeschoß des Turmes, also Einwölbung, Einbau gotischer Fenster, Einbau des Triumphbogens, wirklich um 1320 stattgefunden haben. Es scheint wenig Sinn zu ergeben, 1286/87 das Obergeschoß des Turmes zu verändern, eine neue Glocke zu gießen (siehe unter: „Die Älteste Glocke Rheinhessens“ auf dieser Homepage) und etwa 30 Jahre später erst die unteren Turmanteile umzubauen. Könnte beides nicht zum gleichen Zeitpunkt, also etwa 1287 geschehen sein? Das Birnstabprofil der Gewölberippen und des Chorbogens könnten diesen Schluss wohl zulassen, sie sind Stilelemente der früheren Gotik.
Das Äußere des Turmes blieb jedenfalls, abgesehen vom Anbau der Sakristei, seit dem 14. Jahrhundert unverändert erhalten. Vor kurzem war eine Neueindeckung des Daches nötig, einige Ziegel fehlten (ein großer Vorrat an Ersatzpfannen lagert übrigens noch jetzt im Keller). Man entschied sich für rote Flachziegel aus industrieller Produktion. Bei dieser Gelegenheit entfernte man die stilwidrigen Regenrinnen, was einen Wassereinbruch in der Sakristei zur Folge hatte, der Schäden am Gewölbe hinterließ und weitere Kosten verursachte.
Diese Mängel wurden zum Glück bei der letzten Renovierung wieder rückgängig gemacht, eine neue Regenrinne schützt jetzt wieder die Fundamente vor Feuchtigkeit, das Turmdach wurde stilgerecht neu gedeckt, jetzt allerdings nicht wie früher mit Pfannen, sondern, wie das übrige Kirchendach, mit Flachziegeln.

1912 Freilegung mittelalterlicher Wandgemälde

Der Chorraum wurde schon 1912 neu gestaltet, man legte die mittelalterlichen Wandgemälde frei und der Fußboden wurde mit hellen Sandsteinplatten belegt. Dies muss vor einiger Zeit das Missfallen einiger „Denkmalpfleger“ erregt haben, anders ist nicht zu erklären, dass plötzlich der helle Steinfußboden des gesamten Kircheninnenraumes samt Taufsteinsockel rot eingetönt wurde. Hoffentlich ergibt sich bei der nächsten Innenrenovierung die Möglichkeit, diese Geschmacklosigkeit wieder rückgängig zu machen.
1912 wurden noch einige Änderungen am Turm durchgeführt, so wurde der Durchgang zwischen Sakristei und Kirchenraum zugemauert, die Außentür der Sakristei erneuert. Bisher konnte nicht geklärt werden, ob diese Tür damals neu eingebaut wurde. Der obere Teil des Maßwerkes ist noch alt und könnte auch zu einem Fenster gehört haben, das sich vorher an dieser Stelle befand. Die damals geplante „wohnliche Einrichtung der Sakristei“ wurde nicht verwirklicht, der geplante Einbauschrank kam nicht zur Ausführung, heute wird der schöne Raum als Abstellkammer genutzt. Pläne für die geplante Nutzung finden sich im Pfarrarchiv in Darmstadt. (Text: Walter Schmitt, Bornheim)

Quellen:
1. Brilmayer, Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart, 1905
2. Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, 1972