Die älteste Glocke Rheinhessens

Die Älteste Glocke Rheinhessens

Eine Kostbarkeit mit geheimnsivoller Inschrift

Eine Kostbarkeit von besonderem kulturgeschichtlichem Wert besitzt die evangelische Kirche in Bornheim. Es handelt sich hierbei um die älteste der drei Glocken, deren Entstehungszeit über einen langen Zeitraum mit dem Neubau des Kirchenschiffes um 1727 in Zusammenhang gebracht wurde. Dass dies nicht sein kann, beweist die altertümliche Inschrift aus gotischen Majuskeln, die schwer zu lesen ist und deren Sinn bisher nicht entschlüsselt werden konnte.
Genannt werden in lateinischer Sprache die vier Evangelisten mit ihren mystischen Symbolen: Markus, der Löwe (Ieo); Lukas, der Stier (bos); Matthäus, der Mensch (homo) und Johannes, der Adler (aquila).
Der Text lautet folgendermaßen:

EST+ HOMO + MATEVS + LEO + LVCAS + BOS + QQ + MARCUS + E +Q + IOHANES + AVIS + Q + SVPER + E + ALIIS + MERKELINUS +

Renate Neumüllers-Klauser von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften ist es gelungen, hinter den Sinn der scheinbar zusammenhanglosen Worte zu kommen. In ungekürzter Schreibweise lautet der Text folgendermaßen:

Est homo Mathäus, leo Lucas, bos quoquc Marcus. Estque johannes avis, qui super est aliis. Merkelinus.

Die Umschrift bildet einen leoninischen Distichon, bestehend aus Hexameter und Pentameter. Die unerwartete Wortwahl avis (Vogel) statt aquila (Adler), das Vertauschen der Evangelistensymbole des Markus und Lukas sowie die ganz und gar befremdliche Konstruktion von super mit Ablativ statt Akkusativ ließen nur die Möglichkeit offen, dass es sich um Verse handelt. Da kommen solche Verstöße gegen die Grammatik immer wieder vor.
Die Übersetzung lautet:

Es ist der Mensch Matthäus, der Löwe Lukas, der Stier aber Markus. Und es ist der Vogel Johannes, der über den anderen ist. Merkelinus.

Gemeint ist: Der Mensch ist Symbol des Matthäus, usw., Johannes aber überragt die anderen Evangelisten an Bedeutung.
Merkelinus (= Merkel) ist wahrscheinlich der Glockengießer. Der Name ist zwar bisher noch nirgends aufgetaucht, diese Art der Namensgebung kommt aber auch bei frühen Glocken gelegentlich vor und meist in dieser ganz lapidaren Form. Für die Vorrangstellung des Johannes unter den Evangelisten müsste man noch theologische Begründungen heranziehen, sie war aber schon in der Doppelfunktion als Apostel und Evangelist begründet.
Eine ähnliche Inschrift findet sich auf einer Glocke (gegossen um 1300) zu Stedten bei Schwaplau (Merseburg) in dem ebenfalls reimlosen und darum wohl sehr alten Distichon:

+ Mattheum signat vir, bos Lucam, leo Marcum, Ales discipulum, qui super corde fuit.‘
Die Übersetzung: Der Mensch bezeichnet Matthäus, der Stier Lucas, der Löwe Marcus, der Vogel (ales, allgemein Vogel, aber auch Adler, Phönix) den Jünger, der am Herzen (Jesu) lag.

Glockenguss anlässlich des Umbaus von 1286/87?

Das Alter der Bornheimer Glocke würde man – dem Schrifttyp nach zu urteilen – auf Ende des 13. Jahrhunderts schätzen. Dieser Termin deckt sich in etwa mit dem des Umbaus der Kirche. Um 1300 soll das Untergeschoss des romanischen Turmes eingewölbt worden sein. Dem Stil nach älter sind die Wandmalereien, die nach dem Umbau entstanden sein müssen und noch ins 13. Jahrhundert zu datieren sind. Eine Neuanschaffung der Glocke zum Zeitpunkt dieser Umbaumaßnahmen wäre demnach durchaus denkbar.
Die vier Evangelisten waren das beliebteste Thema von Glockeninschriften im 13. und vor allem im 14. Jahrhundert. Sie treten meist in der Reihenfolge Lukas, Markus, Matthäus und Johannes auf. Ihnen, besonders aber Lukas wurde eine besondere Bedeutung für die Abwehr von Wettergefahren zugemessen. Für die im Volk verbreitete Schätzung des Lukas wegen seines Unheils bannender Kraft, zeugen die am Tage dieses Evangelisten gesegneten Lukaszettel, die zu den verschiedensten unheilhemmenden Zwecken und so auch zur Abwehr von Unwettern benutzt wurden.
Selten ist allerdings die gleichzeitige Nennung der Evangelisten mit ihren mystischen Symbolen. Letztere erscheinen, wenn überhaupt, meist als Reliefs.
Vom hohen Alter der Bornheimer Glocke zeugen die außergewöhnlich schönen gotischen Majuskeln. Sie wurden vor dem Guss mit der Hand aus Wachs geschnitten und auf das Modell der Glocke, die sogenannte falsche Glocke, aufgesetzt. Darüber brachte man dann die später äußere Gussschale aus Ton auf. Beim Erhitzen schmolz das Wachs, die Schale ließ sich leicht vom Modell lösen, die Schrift war als Negativ in der Gussform erhalten. In der Frühzeit wurden die Wachsbuchstaben, wie in Bornheim, mit der Hand modelliert. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts geschah diese Herstellung dann immer mehr mit Hilfe von Modeln.
Die ältesten noch erhaltenen Glocken, von denen nur noch wenige Exemplare erhalten sind, stammen aus dem 11. Jahrhundert. Charakteristisch für sie ist die typische Zuckerhutform. Ihr Alter lässt sich jedoch oft nur schätzen, da sie fast nie mit einer Jahreszahl versehen wurden. Im Gegensatz dazu hat die Bornheimer Glocke schon einen so hohen Grad der Vollkommenheit erreicht, dass sich ihr Profil kaum von der heutigen Form unterscheidet.
Ursprünglich wurden die Glocken von wandernden Gießern, auch Mönchen, an Ort und Stelle gegossen. Bis zum 15. Jahrhundert waren dann die meisten Gießer sesshaft geworden, ab dieser Zeit lässt sich die Herkunft der Glocken genauer verfolgen. Fast immer enthalten diese spätgotischen sogenannten Minuskelglocken das Gussdatum und den Meister, der den Guss ausführte.
Die Bornheimer Glocke ist die älteste noch erhaltene in Rheinhessen. Wie durch ein Wunder hat sie bisher alle Wirrnisse der Zeit überstanden. Denn gerade in den letzten beiden Kriegen war der Glockenschwund groß, vor allem die Glocken des frühen 19. Jahrhunderts erfuhren keine Schonung. Aber auch die Kriege der vorangegangenen Jahrhunderte hatten den Bestand stark reduziert. Folgenschwer war vor allem das Umgießen im 19. und 20. Jahrhundert, um ein einheitliches Geläut zu erhalten. Aber auch dieses Schicksal blieb der Bornheimer Glocke erspart und so zeugt sie noch heute von der damals schon hochentwickelten Gießtechnik, die sich bis in die heutige Zeit kaum verändert hat. (Text: Walter Schmitt, Bornheim)

Literatur:
Hauburger, Hans: Bornheim in Vergangenheit und Gegenwart, in: 125 Jahre MGV 1848 Bornheim. Festschrift zum 125. Jubiläum vom 6. bis 9. Juli 1973, S. 173 – 215
Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Inschriften-Kommission, 69 Heidelberg, Karlstr. 4.
Brief von Frau Dr. Renate Neumüllers-Klauser an den Verfasser 10.07.1979.
Walter, Karl: Glockenkunde. Regensburg und Rom 1913, S. 161(Anm.2).
Außerdem Brief von Frau Dr. Sigrid Thurm, München, an den Verfasser vom 26.06.1979
Evangelisches Pfarramt Bornheim: Brief vom 05. Juni 1948 von der Glockengießerei Kaiserslautern an das ev. Pfarramt Bornheim. Oberkirchenrat Zentgraf erwähnte bei der Glockenweihe 1927 in Bornheim, dass dies die älteste Glocke Rheinhessens sei.
Weiterführende Literatur:
Deutscher Glockenatlas, bearbeitet von Dr. Sigrid Thurm, Deutscher Kunstverlag
München-Berlin, Band 1 – 3; 1959, 1967, 1973.